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Die Erfahrung des Urteils
Warum Kant keine Ästhetik begründet hae:Von WOLFGANG WIELAND (Heidelberg)
ABSTRACT
In der Kritik der Urteilskraft verzichtet Kant auf das Wort "Ästhetik," weil er jeden
Gedanken an eine Wissenschaft vom Schönen fernhalten will, nachdem er deren Unmöglichkeit eingesehen hatte. Im Geschmacksurteil erfährt der Urteilende auf sinnliche Weise
seine im Zustand eines freien Spiels befindlichen Erkenntnisvermögen; dieser Zustand ist
zugleich eine der Bedingungen dafür, daß begriffliche Erkenntnis entstehen kann.
According to the Critique of Judgment it is impossible to establish a "science" of the
beautiful; the term "aesthetics," therefore, does not occur in Kant's Third Critique.
Passing a judgment of taste, however, we become aware of our cognitive faculties being in
the state of free play. This state, known only aesthetically (i.e. by sensation and feeling), is
also a precondition for the genesis of conceptual cognition.
Warum verzichtete Kant darauf, eine Ästhetik zu begründen? Wer eine derartige Frage stellt, erweckt den Verdacht, über elementare Dinge nicht unterrichtet
zu sein. So gilt es als ausgemacht, daß Kants dritte Kritik, die Kritik der
Urteilskraft, Überlegungen enthält, die zum Kernbestand dessen gehören, was
die Philosophie in ihrer langen Geschichte erarbeitet hat, um Struktur und
Inhalt jener Erfahrungen in die Sprache des Begriffs zu übersetzen, die aus der
Begegnung mit der Welt des Geschmacks, der Kunst und des Schönen resultieren
können. Den ersten, auch in Kants Einschätzung gewichtigeren der beiden Teile
dieses Werks, die Kritik der ästhetischen Urteilskraft, sieht die moderne Ästhetik als eines ihrer Gründungsdokumente an, selbst dort noch, wo sie - zumal in
der Zeit der nicht mehr schönen Künste - die zentralen Thesen Kants nicht
mehr akzeptieren zu können glaubt. Die verzweigte Wirkungsgeschichte, die
sich an dieses Werk auch außerhalb der schulmäßig betriebenen Philosophie
anschloß, scheint jene Einschätzung zu bestätigen. In abkürzender Redeweise
spricht man von diesem Werk denn auch häufig als von "Kants Ästhetik."
Die Annahme, Kant habe auf die Begründung einer Ästhetik verzichtet, bedarf unter diesen Umständen einer Präzisierung. Denn hier geht es gewiß nicht
um die alt bekannte Tatsache, daß der Text von Kants dritter Kritik nur bescheidene Spuren von konkreten Erfahrungen zeigt, wie sie durch Begegnungen mit
der Welt des Schönen und mit der Welt der Kunst vermittelt werden. Kant
* Durchgesehener Text meiner Heidelberger Antrittsvorlesung vom 27. November
1985.
Die Erfahrung des Urteils
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scheint solche Erfahrungen denn auch gar nicht mitteilen zu wollen. Auch wer
mit diesem Werk nur flüchtig Bekanntschaft gemacht hat, weiß von jener Ebene
der Abstraktion, die es Kant erlaubt, sich bei seinen Analysen mit wenigen
einfachen, manchmal geradezu trivialen Beispielen zu begnügen. Ein Urteil wie
"Diese Rose ist schön" kann als Beispiel ausreichen, wenn es nur darum geht,
bestimmte Charaktermerkmale des Geschmacksurteils zu verdeutlichen. Auf
der Hand liegt hier der Gegensatz zu einem Werk wie Hegels Vorlesungen über
die Ästhetik, einem Werk, in dem überaus reiche Erfahrungen der Welt der
Kunst ihren Niederschlag gefunden haben.
Man wäre schlecht beraten, wollte man diesen Befund mit der Biographie
und mit der Persönlichkeitsstruktur Kants in Zusammenhang bringen und in
ihm etwa ein Indiz für Kants angebliche Distanz zur Welt der Kunst sehen.
Ohnehin sind biographische Fakten allenfalls Gelegenheitsursachen in dem Prozeß, der zur Entstehung einer Erkenntnis oder eines Gedankens führt. In der
Philosophie geht es aber nicht so sehr um die Bedingungen, unter denen Gedanken entstehen, sondern um ihre Tragweite, ihre Stringenz und ihre Richtigkeit.
Hier hilft einem der Rekurs auf Tatsachen der Biographie und der Persönlichkeitsstruktur ebenso wenig weiter wie einer der beliebten Versuche, den Gedanken auf seine historischen, politischen oder sozialen Randbedingungen zu reduzieren. Der Kern eines philosophischen Gedankens bleibt derartigen Reduktionsversuchen gegenüber allemal resistent. Daher kann man von solchen
Versuchen sogar geradezu mit dem Ziel Gebrauch machen, Kriterien zu gewinnen, die es einem erlauben, den allen derartigen Randbedingungen gegenüber
gleichgültigen Kern des Gedankens zu bestimmen. Doch wir haben, was Kant
anbetrifft, ohnehin keinen Anlaß zu einem begründeten Zweifel daran, daß er
jenes eigentümliche Sensorium, das er unter dem Namen des Geschmacks analysiert, in seiner Person auf differenzierte Weise entwickelt und ausgebildet
hatte. Freilich war Kant mit dem fortschreitenden Lebensalter, nachdem er seine
Kräfte ganz auf die Bewältigung und den Abschluß des "kritischen Geschäfts"
konzentriert hatte, immer weniger daran interessiert, sich in Situationen zu
begeben, die von ihm gefordert hätten, jenes Sensorium auf die Probe zu stellen
und zu bewähren.
Auch entwicklungsgeschichtlich orientierte Betrachtungen helfen nicht weiter.
Eine autonom verlaufende Entwicklungsgeschichte dessen, was man als Kants
Ästhetik zu bezeichnen pflegt, gibt es ohnehin nicht. Gewiß hatte Kant die
Diskussionen seiner Zeit im Umkreis der Geschmackslehre nicht nur zur Kenntnis genommen; er hatte auch in sie eingegriffen. Doch dieses Interesse trat in den
Hintergrund, als die Konzeption der Transzendentalphilosophie, wie sie sich
dann erstmals in der Kritik der reinen Vernunft präsentieren sollte, Konturen
anzunehmen begann. Für Kant war es dann eine Überraschung, daß ihn die
Ausarbeitung der kritischen Philosophie schließlich an einen Punkt führte, an
dem es nötig wurde, die Frage nach dem Geschmack und nach seinen Prinzipien
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Wolfgang Wieland
noch einmal aufzugreifen, nun freilich im Rahmen einer ganz neuen, nämlich
der transzendentalen Problemstellung. Das Interesse, das Kants kritische Philosophie am Geschmack und an seinen Phänomenen nimmt, ist daher gänzlich
anders ausgerichtet als das Interesse, das zu den Erörterungen der Geschmackstheoretiker des achtzehnten Jahrhunderts den Anlaß gab. Trotzdem muß man,
will man den Text der Kritik der Urteilskraft richtig verstehen, immer wieder
auf die Sprache der Ästhetiker jenes Jahrhunderts zurückgreifen. Doch das sind
Dinge, die zur Oberflächenstruktur von Kants Text gehören. Denn auch der
Ansatz von Kantsdritter Kritik bleibt durch die Fragestellungen eines Philosophierens bestimmt, das die Grenzen des dem Menschen erreichbaren Wissens
auf verläßliche Weise bestimmen und die Prinzipien namhaft machen will, die
dieses Wissen zu begründen und die das menschliche Handeln bestimmenden
Normen zu legitimieren vermögen. Nur aus diesem Grunde wurde aus Kants
dritter Kritik am Ende keine Kritik des Geschmacks, sondern eine Kritik der
Urteilskraft überhaupt. Die Untersuchung des Geschmacksvermögens erfüllt in
ihr weniger thematische als vielmehr exemplarische Funktionen. Anders als in
der zeitgenössischen ästhetischen Diskussion werden die Reflexionen der dritten
Kritik "nicht zur Bildung und Kultur des Geschmacks, sondern bloß in transzendentaler Absicht angestellt."1
Hier werden Differenzen zwischen der Kritik der Urteilskraft und den beiden
anderen Kritiken auch im Hinblick auf die für Kant so wichtige Architektonik
der Philosophie im ganzen bedeutsam. Gewiß erschöpft sich der Zweck von
Kants "kritischem Geschäft" nicht darin, bestimmten wissenschaftlichen Disziplinen ein tragfähiges Fundament zu verschaffen. Doch während die Kritik der
reinen Vernunft und die Kritik der praktischen Vernunft unter anderem auch
dies leisten, gibt es keine philosophische oder wissenschaftliche Disziplin, die
durch die dritte Kritik ermöglicht oder begründet würde. Die Kritik der Urteilskraft enthält auch, wiederum im Gegensatz zu den beiden anderen Kritiken, nur
eine Elementarlehre, aber keine Methodenlehre. Eine Methodenlehre kann sie
deswegen nicht enthalten, "weil es keine Wissenschaft des Schönen gibt noch
geben kann, und das Urteil des Geschmacks nicht durch Prinzipien bestimmbar
ist."2 Die Kritik der Urteilskraft hat weder die Absicht noch die Möglichkeit, die
Geschmackslehre, um die Kantische Formel zu verwenden, auf den sicheren
Gang einer Wissenschaft zu bringen; in ihrem Umkreis kann es daher auch keine
Prolegomena zu einer künftigen Ästhetik geben, die als Wissenschaft würde
auftreten können. Im Gegenteil: Es ist eines der Resultate der dritten Kritik, daß
der dem Geschmacksvermögen korrespondierende Bereich aus prinzipiellen
1 V, 170. Kants Texte werden nach der Akademieausgabe zitiert, die Kritik der reinen
Vernunft in der üblichen Weise nach den Originalausgaben, die Reflexionen des Nachlasses nach der fortlaufenden Numerierung der Akademieausgabe.
2
V, 355, vgl. 304.
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Gründen niemals vom begrifflichen Erkennen und daher schon gar nicht von
einer Wissenschaft erschlossen werden kann. Aus diesem Grunde enthält die
systematische Philosophie nur zwei Hauptteile, nämlich die theoretische und die
praktische Philosophie, während die sie begründende Kritik drei Teile aufweist.
Auf diese Asymmetrie in der Architektonik der kritischen Philosophie hat Kant
wiederholt aufmerksam gemacht. 3 Den SystemsteIlen, an denen es in den beiden
ersten Kritiken um die Grundlegung bestimmter doktrinfähiger Disziplinen
geht, entspricht in der Kritik der Urteilskraft der Nachweis der Unmöglichkeit
einer derartigen Disziplin. Trotzdem ist Kants These von der Unmöglichkeit
einer Ästhetik als einer Wissenschaft vom Schönen kein bloßes Nebenergebnis
seines Denkens. Denn Kant erhebt den Anspruch, auf dem Weg, der zu diesem
Resultat geführt hat, zu Einsichten in die Struktur des menschlichen Erkenntnisvermögens und der menschlichen Subjektivität überhaupt gelangt zu sein, die
sich auf andere Weise schwerlich hätten gewinnen lassen.
Unter diesen Umständen wird ein terminologischer Befund bedeutsam, den
man zumeist übersieht. Freilich brachte Kant terminologischen Fragen kein
sonderliches Interesse entgegen. Jeder Kantleser kennt die Gefahr, die von Kant
intendierte Sache gerade dann zu verfehlen, wenn er den Mitteln ihrer sprachlichen Präsentation ein zu großes Maß an Aufmerksamkeit schenkt. Trotzdem
überrascht es, daß Kant in der dritten Kritik, die doch nach der landläufigen
Meinung seine Ästhetik enthält, das Wort "Ästhetik" konsequent vermeidet.
Nur ein einziges Mal findet sich dort dieser Ausdruck, nämlich an einer wenig
zentralen und wenig signifikanten Stelle;4 er wird dort keineswegs programmatisch verwendet, sondern erweckt eher den Eindruck, bei der Schlußredaktion
übersehen worden zu sein. Das Fehlen des Wortes "Ästhetik" ist schwerlich ein
bloßer Zufallsbefund, zumal da Kant von diesem Wort noch in der sogenannten
"Ersten Einleitung zur Kritik der Urteilskraft" auf gezielte Weise Gebrauch
gemacht hatte,S einem Text also, den er entgegen einer ursprünglichen Absicht
schließlich doch nicht zur Veröffentlichung bestimmte. Deswegen tut man gut
daran, eine Notiz aus Kants Nachlaß ernst zu nehmen: " ... daher muß der
Schulname Ästhetik vermieden werden, weil dieser Gegenstand keinen Unterricht der Schulen verstattet."6 Es ist also gerade Kants Einsicht in die Unmöglichkeit einer Ästhetik als einer Wissenschaft vom Schönen, die ihn schließlich
davon abhielt, sich weiterhin des Namens der Ästhetik zu bedienen, selbst dort,
wo er am Beispiel des auf das Schöne ausgerichteten Geschmacksurteils Struktur und Funktion der Urteilskraft zu bestimmen unternahm.
Nun kommt freilich das Wort "Ästhetik" bei Kant auch noch in einem Sinn
3
4
5
6
Vgl. V, 168, 170, 176, 179.
V,269.
XX, 221ff.
R,626.
608
Wolfgang Wieland
vor, In dem es in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit der Welt des
Geschmacks steht. In der Kritik der reinen Vernunft wird bekanntlich die Lehre
vom Raum und von der Zeit als den in aller konkreten Erfahrung bereits
vorausgesetzten Formen der Anschauung unter dem Titel einer transzendentalen Ästhetik abgehandelt. Hier verweist der Ausdruck "Ästhetik," übrigens ganz
in Übereinstimmung mit dem ursprünglichen Wortsinn, auf eine Lehre von der
sinnlichen Wahrnehmung. "Ästhetik ist die Philosophie über die Sinnlichkeit"7
notiert Kant in einer Nachlaßreflexion. In der als Lehre von der Sinnlichkeit
verstandenen Ästhetik nimmt der Geschmack und der ihm zugeordnete Phänomenbereich keine Sonderstellung ein. Die als Wissenschaft von der Sinnlichkeit
auftretende Ästhetik versteht sich vielmehr als Pendant zur Wissenschaft vom
Verstand, mithin als Pendant zur Logik. 8 Kant gibt in der Kritik der reinen
Vernunft ausdrücklich zu verstehen, daß er das Wort "Ästhetik" ausschließlich
in diesem Sinne verwenden will, wenn er sich gegenüber denen abgrenzt, die mit
diesem Ausdruck das bezeichnen, "was andere Kritik des Geschmacks heißen."9
Er fragt freilich auch nach den Motiven, die den von ihm abgelehnten Wortgebrauch veranlassen: "Es liegt hier eine verfehlte Hoffnung zum Grunde, die der
vortreffliche Analyst Baumgarten faßte, die kritische Beurteilung des Schönen
unter Vernunftprinzipien zu bringen und die Regeln derselben zur Wissenschaft
zu erheben. Allein diese Bemühung ist vergeblich ... Um deswillen ist es ratsam,
diese Benennung wiederum eingehen zu lassen und sie derjenigen Lehre aufzubehalten, die wahre Wissenschaft ist."IO Auch nachdem Kant die die Konzeption
der dritten Kritik ermöglichende Entdeckung apriorischer Elemente im Geschmacksurteil gemacht und daraufhin den Text, dem das eben angeführte Zitat
entstammt, in der zweiten Auflage der Vernunftkritik entsprechend modifiziert
hatte, sah er sich keineswegs veranlaßt, seinen Sprachgebrauch zu revidieren. Es
war denn auch eines der Ergebnisse der dritten Kritik, daß selbst die apriorischen Elemente im Geschmacksurteil keine Wissenschaft im Bereich des Geschmacks ermöglichen. Kant stellt sich also ganz bewußt in einen Gegensatz
zum Sprachgebrauch seiner Zeit, wenn er das Wort "Ästhetik" in allen Kontexten vermeidet, die die Kunst, das Schöne oder den Geschmack zum Gegenstand
der Überlegung machen. Er will damit jeder Hoffnung vorbeugen, dieser Bereich ließe sich eines Tages doch noch mit Hilfe des Begriffssystems einer Wissenschaft erschließen. Diese Hoffnung hat sich nicht nur bisher nicht erfüllt: sie
kann, wie Kant zeigen will, aus prinzipiellen Gründen auch in Zukunft niemals
erfüllt werden.
Aber auch wenn sich Kants konsequenter Verzicht auf das Wort "Ästhetik"
R,4276.
Vgl. A, 52/B, 76.
9 A 21/B 35.
10 A 21/B 35, vgl. IX, 15.
7
8
Die Erfahrung des Urteils
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im Text der dritten Kritik bei dieser Sachlage zwanglos erklären läßt, so bleibt
immer noch die Frage, in welchem Sinne das zugehörige Adjektiv zu verstehen
ist. Von ihm macht Kant in der "Kritik der Urteilskraft" überaus häufig Gebrauch. Es ist ja eine von ihm ausdrücklich als "ästhetisch" qualifizierte Gestalt
der Urteilskraft, die dort das Thema der Untersuchung bildet. Stellt man in
Rechnung, daß die "Kritik der ästhetischen Urteilskraft" dem Geschmack, dem
Schönen und der Kunst paradigmatische Valenzen zugesteht, so könnte man
sich leicht zu der Annahme verführen lassen, Kant sei auf der Ebene der Epitheta schließlich doch noch zu terminologischen Kompromissen bereit gewesen,
die er auf der Ebene des Substantivs konsequent ausgeschlossen hatte. Dann
wird man, wie es heute sehr oft geschieht, unter Kants "ästhetischer Urteilskraft" ein Vermögen des Menschen verstehen, dessen Intentionen auf die Welt
des Schönen und die Welt der Kunst zielen. Ästhetisch wäre dann die zu untersuchende Urteilskraft nur insofern, als es ästhetisch relevante Objekte sind, auf
die sie sich richtet und die sie beurteilt. Das Adjektiv "ästhetisch" bliebe bei
dieser Deutung an die Welt des Geschmacks und seine Objekte gebunden.
So zwanglos sich eine derartige Deutung auch zu ergeben scheint, zumindest
dem, der unreflektiert vom heutigen Sprachgebrauch ausgeht, - sie verfehlt
dennoch den Kern dessen, was Kant zu verstehen geben will. Der Sinn des
Ausdrucks "ästhetische Urteilskraft" wird gänzlich verkannt, wenn man ihn auf
das menschliche Urteilsvermögen unter der Bedingung bezieht, daß sich dieses
Vermögen auf eine spezielle Klasse von Objekten richtet, beispielsweise auf
schöne oder auf künstlerisch relevante Gegenstände, um über sie treffende Urteile zu fällen. Im Umkreis der "Kritik der Urteilskraft" hat sich nämlich Kant
auch des Ausdrucks "ästhetisch" immer nur so bedient, daß er eine Beziehung
nicht speziell auf die Welt des Schönen und der Künste, sondern ganz allgemein
auf den Bereich von Wahrnehmung, Anschauung, Empfindung und Gefühl,
kurz auf den Bereich der Sinnlichkeit überhaupt anzeigt. Es besteht keine Aussicht, die vielen Rätsel zu lösen, die Kants dritte Kritik aufgibt, wenn man nicht
davon ausgeht, daß die hier der Kritik unterworfene Gestalt der Urteilskraft von
Kant deswegen als ästhetisch qualifiziert wird, weil nicht nur ihre Objekte,
sondern vor allem sie selbst auf eine noch näher zu charakterisierende Weise
dem Bereich der Sinnlichkeit zugeordnet werden sollen. Es gibt jedenfalls keinen
Anlaß zu einem Vorwurf gegenüber Kant, den Ausdruck "ästhetisch" äquivok
verwendet zu haben. Mit dem hier skizzierten Befund stimmt auch der Sprachgebrauch der einschlägigen Reflexionen aus Kants Nachlaß überein. Dort findet
sich nämlich der Ausdruck "ästhetische Urteilskraft" verhältnismäßig selten, um
so häufiger dagegen die Ausdrücke "sinnliche Urteilskraft" und "sinnliches
Beurteilungsvermögen." Daß bei der Analyse jener Urteilskraft der Beurteilung
des Schönen paradigmatische Funktionen zuwachsen, gehört zu den überraschenden Ergebnissen von Kants Überlegungen, aber nicht zu deren Voraussetzungen. Man wird daher danach zu fragen haben, in welchem Sinn Kant von
610
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einer Urteilskraft behaupten kann, sie sei auf die Sinnlichkeit bezogen, und
damit ästhetisch. Handelt es sich um ein Vermögen, das auf sinnliche Weise
wirkt, oder um ein Vermögen, das sich Sinnliches zum Gegenstand macht; um
ein Vermögen, dessen Tätigkeit auf sinnliche Weise erfahren werden kann, oder
das in einem wiederum anderen Sinne als sinnliches Vermögen klassifiziert
werden kann?
Hier ist es sinnvoll, sich daran zu erinnern, daß Kant in seiner dritten Kritik
eine Analyse der Urteilskraft überhaupt auf die Geltungsansprüche hin vorlegen
will, die sie bereits unabhängig von aller Erfahrung erhebt. Die Urteilskraft ist
jenes Vermögen, das zusammen mit Verstand und Vernunft im Gegensatz zu
den sinnlichen Vermögen die "oberen" Erkenntnisvermögen des Menschen ausmacht. Die für die Urteilskraft spezifische Funktion ist die des Subsumierens. Im
Gegensatz zum Verstand, der Regeln aufstellt, vor allem in der Weise, daß er
Begriffe bildet, kommt der Urteilskraft die Aufgabe zu, Regeln und Begriffe auf
konkrete Fälle anzuwenden. Sie hat zu ermitteln, ob etwas der Fall einer Regel
ist oder nicht. Um Fälle unter Regeln subsumieren zu können, muß sie oft aber
die Regeln zuerst einmal ausfindig machen, die auf ihre Eignung hin geprüft
werden, als Bezugsgröße für die Subsumption eines gegebenen Falles zu fungieren. In dem einen Fall spricht Kant von bestimmender, in dem anderen Fall von
reflektierender Urteilskraft. Urteilskraft ist deshalb der Inbegriff der Fähigkeiten, deren eine Instanz bedarf, die mit Regeln umgehen und die Allgemeines und
Individuelles sachgerecht einander zuordnen muß, ohne deren Heterogenität
aufheben oder auch nur abmildern zu können. Was hier gemeint ist, läßt sich
am besten an der Gestalt des Richters exemplifizieren: Auch das beste Gesetz
kann sich nicht selbst anwenden und aus eigener Kraft auf einen Einzelfall
beziehen; es bedarf dazu vielmehr stets einer mit Urteilskraft begabten Instanz,
die mit dem Gesetz auf sachgerechte Weise umzugehen und es anzuwenden
versteht.
Ganz ähnlich verhält es sich mit unseren Begriffen: auch sie bedürfen einer
mit Urteilskraft ausgestatteten Instanz, die mit ihnen umgeht und sie anwendet.
Nicht der Mangel an Regeln und Begriffen, sondern mangelnde Fähigkeiten
dieser Instanz machen das Wesen der Dummheit aus. Dumm ist nicht so sehr
der, dem es an inhaltsbezogenem Wissen fehlt, sondern eher der, dem es nicht
gegeben ist, mit dem Wissen, über das er verfügt, richtig umzugehen. Ohne eine
mit dem Vermögen der Urteilskraft begabte Instanz bleibt jedes Sachwissen
steril. Regeln und Begriffe sind für sich allein ohnmächtig und können aus
eigener Kraft nichts bewirken. Auch hier bietet wiederum der juristische Bereich
die besten Beispiele. So kann es kein Gesetz geben, das gegenüber der Gefahr,
mißbraucht zu werden, mit Sicherheit immun wäre. lI Auch die beste gesetzliche
Ordnung nützt wenig, wenn es an der Sachkompetenz derer mangelt, die die
11
Vgl. R, 196, 430.
Die Erfahrung des Urteils
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Aufgabe haben, mit den Normen dieser Ordnung umzugehen. Es sind jedenfalls
analoge Probleme, die sich bei der Anwendung von theoretischen Begriffen und
bei der Anwendung von Handlungsnormen ergeben.
Es fragt sich, ob die Tätigkeit der Regeln anwendenden Urteilskraft selbst
wieder durch allgemeingültige Regeln und Prinzipien geleitet werden kann. Kant
macht auf die Schwierigkeiten aufmerksam, in die jeder gerät, der die Tätigkeit
der Regeln anwendenden Urteilskraft selbst wiederum Regeln höherer Stufe
unterstellen möchte. Denn hier ergibt sich ein unendlicher Regreß, weil sogleich
"wiederum eine andere Urteilskraft erforderlich sein würde, um unterscheiden
zu können, ob es der Fall der Regel sei oder nicht. "12 In letzter Instanz kann sich
daher die Urteilskraft an keine Regel halten, sondern bleibt auf sich selbst
verwiesen. Deshalb kann Kant von ihr auch als von einem Talent sprechen,
"welches gar nicht belehrt, sondern nur geübt sein will."13 Dieses Talent ist eine
Naturgabe. Wo es vorhanden ist, läßt es sich durch Übung und Erfahrung
vervollkommnen; es läßt sich dagegen niemandem mitteilen, dem die Natur die
entsprechende Anlage versagt hat. Bei der Ausbildung dieses Talents bedarf es
immer der Orientierung an singulären Beispielen. Aber auch das beste Beispiel
kann niemals die Funktionen einer Regel erfüllen. So bedarf die Urteilskraft zu
ihrer Ausbildung gewiß der Schulung an Hand von Beispielen; andererseits muß
man von der Urteilskraft Gebrauch machen können, wenn man aus Beispielen
Nutzen ziehen will. Singuläre Fälle sind nicht schon von Natur aus Beispiele.
Nur für eine Urteilskraft kann ihnen die Funktion von Beispielen zuwachsen.
Die Irreduzibilität der in letzter Instanz immer nur auf sich selbst verwiesenen
Urteilskraft läßt sich besonders gut an einer ihrer Erscheinungsformen studieren, nämlich dort, wo sie zu dem Zweck tätig wird, die eigenen Handlungen
und die sie bestimmenden Grundsätze daraufhin zu prüfen, ob sie vor dem
Sittengesetz bestehen können. In diesem Fall tritt das Gewissen in Tätigkeit.
Kant deutet es denn auch als eine der Gestalten der praktischen Urteilskraft. 14
Auch das Gewissen kann sich letztlich immer nur auf sich selbst berufen. Denn
es ergäbe sich ein unendlicher Regreß, wollte man eine formelle Pflicht annehmen, alles Handeln unter die Herrschaft des Gewissens zu stellen. 15 Will man
diesen Regreß vermeiden, so muß man darauf verzichten, die Urteilskraft selbst
unter ein Prinzip in Gestalt einer Regel höherer Stufe zu stellen, die als solche
wiederum den Anlaß zu einer Subsumption oder zu einer Applikation geben
würde. Deshalb kann die Urteilskraft, in welcher ihrer Gestalten sie auch auftritt, am Ende immer nur sich selbst Prinzip sein. Sie kann ihre Tätigkeit und
deren Resultate niemals ohne Rest durch die Herleitung aus einem höheren
V, 169; vgl. R, 1579.
13 A 133/B 172; vgl. VII, 199.
14 VI, 186; vgl. V, 67, 82.
12
15
VI,401.
612
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Prinzip begründen. Das gilt für so unterschiedliche Gestalten der Urteilskraft,
wie sie durch das Gewissen, die richterliche Kompetenz, den sogenannten Menschenverstand oder den Geschmack repräsentiert werden.
Auf welchem Wege gelangt Kant zu dem Ergebnis, daß sich die Urteilskraft,
wenn sie sich zur Rechtfertigung ihrer Resultate schon nicht auf eine Regel oder
ein Prinzip, so doch immerhin noch auf sich selbst berufen kann? Es ist ein Weg,
der nicht über die Analyse logischer Urteile überhaupt führt, aber auch nicht
über die Analyse spezieller Urteile, wie sie etwa in den auf eine funktionsfähige
Urteilskraft in besonderem Maße angewiesenen praktischen Disziplinen gefällt
werden. Noch nicht einmal den Urteilen des Gewissens kommt paradigmatische
Bedeutung zu, wenn die Struktur der Urteilskraft überhaupt bestimmt werden
soll. Paradigmatische Bedeutung kommt allein den Geschmacksurteilen zu. Sie
allein verschafft den Geschmacksurteilen ihre Sonderstellung bei der Analyse
der Urteilskraft überhaupt. Zwar ergibt sich eine Aporie in bezug auf ein Prinzip
überall, wo die Urteilskraft in einer ihrer Gestalten tätig ist. Trotzdem gilt:
"Diese Verlegenheit wegen eines Prinzips findet sich hauptsächlich in denjenigen
Beurteilungen ... die das Schöne und Erhabene der Natur oder der Kunst betreffen."16 Damit ergibt sich aber die Frage, warum - was Kant selbst überraschtedem Geschmack und seinen Urteilen eine Bedeutsamkeit zuwächst, die ihrer
exemplarischen Valenzen wegen weit über den Bereich des Schönen und Erhabenen in Natur und Kunst hinausweist.
Die Frage nach der Struktur der Urteilskraft ist fast überall dort, wo man sie
stellt, auf mannigfaltige Weise mit ganz andersartigen Fragen verflochten. Dies
sind zumeist Fragen, die die Sphäre des Begriffs berühren. So ergibt sich die
Schwierigkeit, den der Urteilskraft - und nur ihr - zugeordneten Bereich zu
isolieren und für eine Analyse gleichsam freizupräparieren. Der Geschmack
steht jedoch noch diesseits der Sphäre des Begriffs. Nur er und seine Urteile
bieten ein Modell, das es erlaubt, die Probleme der Urteilskraft wie in einem
reinen Fall zu studieren. So bietet das Geschmacksurteil eigentlich nur eine
besonders günstige Gelegenheit, Merkmale aufzuzeigen, die der Subjektivität
des denkenden und handelnden Menschen überhaupt eigen sind, zumeist aber
dem Blick des Analytikers verborgen bleiben. Diese Orientierung an der Urteilskraft überhaupt hat Kant in der ganzen, dem Geschmacksurteil nur exempli
gratia gewidmeten Untersuchung anders als viele seiner Leser niemals aus dem
Auge verloren. Wenn er in der Überschrift des zentralen § 35 der Kritik der
Urteilskraft die Ergebnisse der bis dahin vorgetragenen Überlegungen in der
These zusammenfaßt "Das Prinzip des Geschmacks ist das subjektive Prinzip
der Urteilskraft überhaupt,"!7 so erinnert er zugleich daran, daß die Erörterun-
!6 V,169.
!7 V,286.
Die Erfahrung des Urteils
613
gen der dritten Kritik nicht von einer Fragestellung ausgehen, die sich nur auf
einen regional beschränkten Gegenstandsbereich beziehen.
Kant orientiert seine Analyse der Urteilskraft am Beispiel des Geschmacks als
an einer ihrer Gestalten. Unmittelbarer Ansatzpunkt der Untersuchung bilden
jedoch die Hervorbringungen dieses Vermögens, die Geschmacksurteile. Wer
mit den von der gegenwärtigen Philosophie gepflegten Methoden zu arbeiten
gewohnt ist, könnte zunächst meinen, hier auf vertrautem Boden zu stehen.
Denn gerade diesseits aller durch den Streit über inhaltsbezogene Positionen
bestimmten Schulmeinungen konnte die Aussagenanalyse zu einem höchst leistungsfähigen Werkzeug ausgebildet werden. Man pflegt heute im Umgang mit
philosophischen Problemen zuerst einmal die Spuren zu betrachten, die sie in
der Sprache hinterlassen haben. So erlaubt es die Aussagenanalyse, die Dinge im
Spiegel der Sprache und der in ihr hinterlegten logischen Strukturen zu betrachten, mag es sich dabei nun um eine natürliche Sprache oder um eine künstliche
Symbolsprache handeln. Auf dieses Werkzeug wird niemand mehr verzichten
wollen, zumal da es auch bei der Analyse klassischer Texte der Philosophie, die
Werke Kants nicht ausgenommen, schon oftmals hilfreich war. Man tut aber
trotzdem gut daran, auch hier eine Mahnung zu beherzigen, die Kant an die
Hörer seiner Vorlesungen gerichtet hat: " ... nur muß die Analysis nicht so weit
gehen, daß der Gegenstand endlich gar verschwindet."18
Gerade Kants Erörterung der Geschmacksurteile zwingt aber auch zu besonderer Aufmerksamkeit für die Unterschiede zwischen kantischer Urteilsanalyse
und moderner Sprachanalyse. Kant nimmt an den Gegebenheiten der Sprache
kein sonderliches Interesse. Er betrachtet die Dinge durchaus nicht im Spiegel
von sprachlichen Gebilden, die sich auf sie beziehen. Der moderne Sprachanalytiker klammert die im Faktum des Bewußtseins gründenden Probleme ein, wenn
er im Spiegel der Sprache gleichsam am Bewußtsein vorbei einen Sachverhalt
anvisiert. Die Urteile, die Kant seinen Analysen zugrunde legt, dürfen jedoch
gerade nicht mit ihren sprachlichen Dokumentationen verwechselt werden, weil
sie von Hause aus gar keine sprachlichen Gebilde sind. Das Urteil ist vielmehr
eine "Vereinigung der Vorstellungen in einem Bewußtsein."19 Das gilt auch für
das Geschmacksurteil. Gewiß muß sich Kant der Sprache bedienen, wenn er die
Resultate der Urteilsanalyse mitteilen will. Doch der sprachliche Ausdruck
bleibt immer nur ein Darstellungsmittel; niemals ist er Ausgangspunkt oder gar
Gegenstand der philosophischen Reflexion. In seinem Verhältnis zu dem im
Bewußtsein beheimateten Urteil behält er immer den Charakter des bloß Okkasionellen. Wenn sich trotzdem die Sprachanalyse in vielen Fällen als fruchtbar
erweist, so deswegen, weil der sprachliche Ausdruck gewöhnlich einen Gegenstand intendiert. Hier ist nicht von Bedeutung, ob diese Intention auf ihrer Bahn
18 XXIV, 538.
19 IV, 304.
614
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den Bereich des Bewußtseins kreuzt oder nicht. Deshalb gibt es einen weiten
Bereich, innerhalb dessen Urteile und Aussagen einander vertreten können. Die
Geltungsansprüche sowohl von Aussagen als auch von Urteilen werden genau
dann eingelöst, wenn der intendierte Gegenstand getroffen wird. Anders liegen
die Dinge jedoch beim Geschmacksurteil. Hier versagen die sprachanalytischen
Methoden. Sind Kants Analysen triftig, dann gehört es zum Wesen dieses Urteils, daß es sich entgegen dem Anschein gar nicht auf einen äußeren Gegenstand bezieht. Es mag durch einen äußeren Gegenstand veranlaßt sein. Aber
auch dann sind es nicht Strukturen dieses Gegenstandes, sondern Strukturen der
Subjektivität, die es repräsentiert. Die übliche sprachliche Dokumentation des
Geschmacksurteils führt also in die Irre, weil sie dem Irrtum Vorschub leistet, es
läge eine unmittelbare Beziehung auf einen Gegenstand vor. Gerade an Hand
des Geschmacksurteils wird daher deutlich, daß die kantische Urteilslehre nicht
semantisch fundiert ist.
Nur ein bescheidener Anteil der Urteile, die im Umkreis des Schönen und der
Kunst gefällt werden, sind Geschmacksurteile im Sinne Kants. Betrachtet man
ihre formallogische Gestalt, so scheiden bereits alle Urteile aus, die nicht Singulärurteile sind. 20 Das hängt damit zusammen, daß es der Geschmack stets mit
sinnlichen Eindrücken und Empfindungen zu tun hat. Im Bereich des Sinnlichen
begegnet einem aber immer nur Singuläres und Individuelles; um die Ebene der
Allgemeinheit zu erreichen, bedarf es dagegen des Begriffs. Durch bestimmte
logische Operationen kann man aus einem Singulärurteil ein quantifiziertes
Urteil erzeugen. Wird aber ein Geschmacksurteil einer derartigen Operation
unterzogen, so verliert es dabei seinen Charakter als Geschmacksurteil. - Noch
enger ist der Kreis möglicher Kandidaten für die PrädikatsteIle im Geschmacksurteil gezogen. Sieht man von der Sonderstellung des Erhabenen ab, so ist es
allein der Ausdruck " ... ist schön," mit dessen Hilfe dokumentiert werden
kann, was in diesem Urteil als Prädikat fungiert. Kants Analyse des Geschmacksurteils soll also die Frage beantworten, was für eine Struktur durch eine Singuläraussage von der Gestalt "X ist schön" eigentlich dokumentiert wird.
Sogleich der erste Paragraph der Kritik der Urteilskraft unternimmt es, die
These zu begründen "Das Geschmacksurteil ist ästhetisch";21 gemeint ist hier
das Urteil, mit dessen Hilfe wir unterscheiden, ob etwas schön ist oder nicht.
Geht man hier von dem landläufigen Begriff des Ästhetischen aus, so ist jene
These eine keiner weiteren Begründung bedürftige Trivialität. Doch auch hier
macht Kant von dem Begriff des Ästhetischen in dem Sinn Gebrauch, in dem er
eine Zuordnung zum Bereich der Sinnlichkeit überhaupt anzeigt. Ein nichtästhetisches Urteil ist das Erkenntnisurteil, von Kant auch als logisches Urteil bezeichnet. Als ein Werk des Verstandes bezieht es sich mit dem ihm eigenen Mittel des
20
V, 215, 244, 285.
21 V, 203, vgl. 228.
Die Erfahrung des Urteils
615
Begriffs auf ein Objekt, genauer: es prätendiert zumindest eine solche Beziehung. Ein ästhetisches Urteil enthält keinen Begriff. Es ist ein Urteil, "dessen
Bestimmungsgrund nicht anders als subjektiv sein kann."22 Es bezieht sich nicht
auf einen Gegenstand, sondern zurück auf die Subjektivität, die sich im Modus
des Gefühls selbst präsent ist. Das gilt auch dann, wenn seine sprachliche
Dokumentation oder seine Genese eine Beziehung auf ein gegenständliches
Objekt vortäuschen mag. Die Subjektivität bleibt auf sich selbst bezogen, solange sie den Bereich des Sinnlichen nicht überschreitet und solange der Verstand die sinnlichen Eindrücke noch nicht mittels eines Begriffs auf ein Objekt
bezogen hat. Das von Kant als ästhetisch charakterisierte Geschmacksurteil hat
also in einem noch zu präzisierenden Sinn eine spezifische Beziehung zur Sinnlichkeit.
Sinnlich ist das Geschmacksurteil nicht nur deswegen, weil es immer durch
singuläre Tatsachen aus dem Bereich der Sinnlichkeit veranlaßt ist. Denn auch
solche Tatsachen kann man unter Begriffe subsumieren und damit auf Objekte
beziehen. Ästhetisch, d.h. sinnlich ist dieses Urteil auch deswegen, weil es an
keiner Stelle einen Begriff enthält. Für die SubjektsteIle ist dies klar: Sie kann
immer nur von einem singulären sinnlichen Datum eingenommen werden, und
zwar nur insofern, als es noch nicht durch einen Begriff bestimmt ist. Das
Entsprechende gilt aber auch hinsichtlich der Prädikats teile des Geschmacksurteils. Auch das Prädikat bleibt der Sphäre subjektiver Sinnlichkeit zugeordnet,
weil es weder selbst ein Begriff noch durch einen Begriff bestimmt ist. Worauf
kann sich dann aber der Prädikator " ... ist schön" beziehen, mit dem die
Sprache nicht anders umgeht als mit gewöhnlichen, auf Begriffe verweisenden
Prädikatoren? Auch das Prädikat des Geschmacksurteils bleibt unmittelbar dem
sinnlichen Bereich zugeordnet. So spricht Kant davon, daß Geschmacksurteile
selbst über die "Anschauung des Objekts hinausgehen und etwas, was gar nicht
einmal Erkenntnis ist, nämlich Gefühl der Lust (oder Unlust) zu jener als Prädikat hinzutun."23 Diese Bestimmung ist wörtlich zu verstehen: Kant behauptet
nicht, daß das Geschmacksurteil eine Anschauung auf den Begriff eines Lustgefühls beziehe oder unter ihn subsumiere; noch weniger behauptet er, daß der
Geschmack dieses Lustgefühl zum Gegenstand seines Urteils mache. Kant behauptet etwas anderes: Es ist jene Lust selbst und nicht ihr Begriff, die unmittelbar, nämlich als empfindbares und empfundenes Gefühl die Stelle des Prädikats
im Geschmacksurteil einnimmt. Für das so verstandene Urteil ist es gleichgültig,
ob es nachträglich noch in einem sprachlichen Gebilde, etwa in einem ps eudoobjektiven Aussagesatz dokumentiert wird. Denn jenes Lustgefühl ist selbst
Bestimmungsgrund und Element des Geschmacksurteils; es ist nicht lediglich
eines seiner semantischen Korrelate. Deshalb muß Kant auf die Unmittelbarkeit
22 V, 203.
23 V, 288; vgl. 191, 193, 209, 339.
616
Wolfgang Wieland
der vom Geschmacksurteil gestifteten Beziehung so großen Wert legen. Wenn
Anschauung und Lustgefühl in ihm auf unmittelbare Weise verbunden sind, so
kann es keinen Begriff, keine Ableitung und kein anderes logisches Element
geben, dem die Verknüpfung der Glieder dieser Beziehung zu verdanken wäre.
Im Vollzug des Geschmacksurteils fühlt das Subjekt sich selbst;24 dieses Selbstgefühl wird vom Geschmacksurteil keineswegs nur intendiert oder bezeichnet.
Ästhetisch im Sinne Kants ist ein Urteil also nicht schon dann, wenn eines
seiner Elemente auf die Sphäre des Sinnlichen bezogen ist oder wenn es von
geschmacksrelevanten Dingen in Kunst und Natur irgendetwas prädiziert. Ästhetisch ist ein Urteil nur dann, wenn es als ganzes mitsamt den in ihm verknüpften Elementen innerhalb der sinnlichen Sphäre verbleibt. Nun sind freilich
Gefühle in exemplarischer Weise der Sinnlichkeit verhaftet. Zwar sind alle sinnlichen Empfindungen zunächst einmal Bestimmungen der Subjektivität. Doch
während andere Sinnesdaten vom Verstand auf Objekte bezogen werden können, geht ein Gefühl darin auf, nichts als eine Bestimmung der Subjektivität zu
sein. Es läßt sich niemals auf einen Gegenstand beziehen. Aus diesem Grunde
hat das Geschmacksurteil keine eigentliche Semantik. Denn in der durch das
Urteil vollzogenen Beziehung der Vorstellung auf das Lustgefühl fühlt das Subjekt immer nur sich selbst. Dieses Lebensgefühl des Subjekts, wie es von Kant
auch genannt wird,25 wird immer nur im aktuellen Prozeß des Urteilens erfahrbar. Denn "die Lust ist am Urteil, nicht an dem Objekte derselben."26 Das
Objekt setzt daher immer nur eine Gelegenheitsursache für das Zustandekommen des Urteils. Die ihm eigene Unmittelbarkeit kommt denn auch allen Versuchen zuvor, es herzuleiten. Sie hat Kant auch in einer Nachlaßreflexion im
Auge: "Das Urteil über das Schöne entspringt nicht aus der Auslegung, sondern
bringt sie hervor und erkennt nicht die Vernunft zum Richter, sondern zum
Dolmetscher für die, so die Sprache der Sinne nicht genug verstehen."27
Die Sprache der Sinne: dieses Leitmotiv setzt zugleich einen Orientierungspunkt für die folgenden Überlegungen. Zunächst war nämlich nur von den
Merkmalen die Rede, die das Geschmacksurteil mit anderen ästhetischen Urteilen gemeinsam hat. Zu ihnen gehören alle elementaren Wahrnehmungs urteile,
in denen unabhängig von jedem Verstandesbegriff "zwei Empfindungen in meinen Sinnen nur aufeinander"28 bezogen werden; ästhetisch sind außerdem alle
Urteile, kraft deren sich das Subjekt einer Annehmlichkeit bewußt wird. Der
Geltungsanspruch solcher Urteile wird bereits durch ihre pure Faktizität eingelöst. Diesen Urteilen gegenüber ist das Geschmacksurteil auf doppelte Weise
qualifiziert: Einmal deswegen, weil es ein Lustgefühl besonderer Art ist, das zu
24 vgl. V, 204, vgl. 289.
25
V,204.
26 R, 988, vgl. V, 281, 289.
27 R,748.
28 IV, 299, vgl. R, 736, 2259.
Die Erfahrung des Urteils
617
seinen Elementen gehört; zum anderen aber auch deswegen, weil es einen Geltungsanspruch erhebt, der nicht bereits durch seine Faktizität erfüllt wird. Das
Geschmacksurteil will das Gefühl, das es enthält, nicht nur der individuellen
Sphäre der eigenen Subjektivität vorbehalten, sondern bei gleichem Anlaß die
Präsenz eines derartigen Gefühls jedermann unterstellen und zumuten. Insofern
steht das Geschmacksurteil im Gegensatz zu anderen ästhetischen Urteilen unter
den Bedingungen der Geltungsdifferenz und der Irrtumsfähigkeit.
Die eigentümliche Natur des in das Geschmacksurteil inkorporierten Lustgefühls charakterisiert Kant als Wohlgefallen ohne alles Interesse. Frei von Interesse ist dieses Gefühl, weil das Subjekt hier von seiner kontingenten Privatheit
ebenso absieht wie von der faktischen Existenz des Gegenstandes, der das
Geschmacksurteil veranlaßt. Dieses interesselose Wohlgefallen wird nun aber
gerade dann erfahren, wenn sich die Erkenntniskräfte des Menschen, genauer:
wenn sich Einbildungskraft und Verstand im Zustand eines freien Spiels befinden. Dieses freie Spiel ist es, das als jenes Lustgefühl empfunden wird, das im
Geschmacksurteil präsent ist. Erkenntnisvermögen und Gefühle repräsentieren
freilich ganz unterschiedliche Klassen von Vermögen der Subjektivität. So sind
Gefühle, anders als alle Erkenntnisvermögen, noch nicht einmal potentiell auf
Objekte bezogen. Mit dem Lustgefühl im Geschmacksurteil hat es indes eine
besondere Bewandtnis. Denn es ist ein Gefühl, das gerade dann entsteht, wenn
zwei noch nicht auf bestimmte Objekte gerichtete Erkenntniskräfte in einer
bestimmten Weise miteinander kooperieren. Frei ist das Spiel der Erkenntniskräfte deswegen, weil ihre Tätigkeit noch nicht darauf zielt, eine bestimmte
Erkenntnisleistung zu erbringen oder eine bestimmte Subsumption vorzunehmen. Solange das freie Spiel andauert, werden niemals die Grenzen zum bestimmten und zum bestimmenden Begriff hin überschritten. Deshalb werden
hier und nur hier die Erkenntniskräfte in ihrer noch nicht auf ein konkretes Ziel
hin ausgerichteten Tätigkeit auf sinnliche Weise erfahren, nämlich gefühlt. In
diesem Sinne spricht Kant schon in der Kritik der praktischen Vernunft von
einer "Beschäftigung der Urteilskraft, welche uns unsere eigenen Erkenntniskräfte fühlen läßt. "29 Die im freien Spiel präsente Einheit der Erkenntniskräfte
kann sich in einer anderen Sphäre als der des Gefühls nicht darstellen. Sie kann
sich "nur durch Empfindung kenntlich machen."30 Ästhetisch, d.h. sinnlich ist
das Geschmacksurteil also gerade deswegen, weil es unmittelbar durch das
Medium der Gefühle, also durch einen Modus der Sinnlichkeit etwas zu verstehen gibt. Das gilt nicht nur für die Einbildungskraft, sondern auch für den am
freien Spiel der Kräfte beteiligten Verstand. Seiner Bestimmung nach intendiert
er stets etwas Nichtsinnliches, nämlich einen Begriff. Als eines der Vermögen der
menschlichen Subjektivität kann er jedoch in seiner Tätigkeit unabhängig von
29
V,160.
30 V, 219, vgl. 287, 292; R, 988, 1935.
618
Wolfgang Wieland
intentionalen Korrelaten auf unmittelbare Weise empfunden werden. Die Bedingungen hierfür sind gerade dort günstig, wo er sich, wie im Geschmacksurteil,
noch nicht auf ein solches Korrelat richtet, sondern noch im Zustand eines
freien Spiels verharrt.
Von einer Urteilskraft, die im kantischen Sinn ästhetisch ist, spricht man
daher nicht schon dann, wenn sie sich Sinnliches zum Gegenstand ihres Urteils
macht. Auch ein logisches Urteil kann Sinnliches intendieren. Ästhetisch, d.h.
sinnlich ist die Urteilskraft vielmehr nur dann, wenn die Tätigkeit der an ihr
beteiligten Kräfte selbst in der Empfindung und damit in der Sinnlichkeit präsent ist. Nun charakterisiert Kant aber den gesamten Bereich der Sinnlichkeit
durch das Leitmerkmal der Rezeptivität. Die Sinnlichkeit ist, anders als der
Verstand, ein passives Vermögen. An dieser Passivität hat auch das ästhetische,
das sinnliche Urteil teil. Im Gegensatz zum gewöhnlichen Urteil, das ein Objekt
intendiert, repräsentiert es kein Resultat einer aktiven Leistung der Subjektivität. Deshalb hat das ästhetische Urteil weniger den Charakter einer Leistung als
den eines Widerfahrnisses. Ein seiner Grundverfassung nach sinnliches Urteil
kann man denn auch, streng genommen, nicht fällen, sondern immer nur erfahren. Gewiß kann man Bedingungen herstellen, die derartigen Widerfahrnissen
günstig sind. Trotzdem hat man niemals die Garantie, daß einem die entsprechende Erfahrung zuteil wird. Sie geht niemals darin auf, Resultat eines aktiven,
zielgerichteten Handelns zu sein. Auch das im Hintergrund stehende Vermögen,
die ästhetische Urteilskraft, ist ihres sinnlichen Charakters wegen ein passives
Vermögen. Es kennzeichnet gerade die Freiheit des Spiels der Kräfte, das dem
Geschmacksurteil zugrunde liegt, daß es nicht Ergebnis einer planenden Tätigkeit sein, sondern vom Subjekt nur hingenommen und empfunden werden
kann. Hier hat man es mit Dingen zu tun, über die man nicht verfügen kann.
Gewöhnliche ästhetische Urteile, also Wahrnehmungsurteile oder Empfindungsurteile stellen keine Begründungsprobleme, weil ihre Richtigkeit unmittelbar mit ihrer bloßen Faktizität verbunden ist und weil sie keinen Geltungsanspruch erheben, der über ihre jeweils aktuelle Gegenwärtigkeit hinausweisen
würde. "Empfindung leidet keinen Probierstein, jeder hat darin vor sich selbst
recht."31 Das gilt freilich nur von dem Urteil als einer Vorstellungsfiguration,
nicht dagegen von der Aussage, die eine derartige Bewußtseinstatsache dokumentiert und allemal den Gesetzen der Bivalenz unterliegt. Für das Urteil selbst
ergeben sich Begründungsprobleme erst dann, wenn es einen Gegenstand intendiert, den es treffen, aber auch verfehlen kann. Einer Kritik scheint die Urteilskraft daher nicht zu bedürfen, solange sie im Umkreis der gewöhnlichen ästhetischen Urteile bleibt. Nur mit den Geschmacksurteilen hat es eine besondere
Bewandtnis, und zwar deswegen, weil unter allen Typen von ästhetischen Urteilen nur sie einen Geltungsanspruch erheben. Dieser Anspruch richtet sich frei31 R,755.
Die Erfahrung des Urteils
619
lich nur darauf, daß das spezifische, im Urteil präsente Lustgefühl insofern
allgemeingültig ist, als in ihm die Struktur menschlicher Subjektivität überhaupt
und nicht nur das Subjekt in seiner Privatheit erfahren wird. Geht es hier um die
Allgemeingültigkeit einer Empfindung oder um die Empfindung einer Allgemeingültigkeit? Kant macht es einem nicht leicht, in dieser Alternative zu entscheiden, zumal da seine Konzeption des Geschmacksurteils die Möglichkeit
irrtumsfähiger Empfindungen voraussetzt. Diese Konzeption erlaubt es dem
Geschmacksurteil, einen Allgemeingültigkeitsanspruch zu erheben, ohne ihm
jedoch gleichzeitig ein Mittel an die Hand zu geben, mit dem dieser Anspruch
gegenüber dem, der seine Legitimität bestreitet, im Einzelfall durchgesetzt werden könnte.
Im Anspruch des Geschmacksurteils auf Zustimmung von jedermann wird
eine bereits in der Ebene des Sinnlichen fundierte Sozialität des Menschen
faßbar. Auf ihr beruht die Möglichkeit vorrationaler Kommunikation unter
Menschen. Selbst die Kommunikation auf der Ebene des Begriffs muß noch von
diesen Strukturen Gebrauch machen. Dies wird auch durch eine spitze Bemerkung aus Kants Vorlesungen beleuchtet: "Unser Wissen ist nichts, wenn andere
es nicht wissen, daß wir es wissen."32 Jedenfalls indiziert der Allgemeingültigkeitsanspruch des Geschmacksurteils die Möglichkeit, daß Menschen einander
auch diesseits aller Begrifflichkeit verstehen können. Gewiß ist der Geschmack
nicht das einzige Medium vorrationaler zwischenmenschlicher Kommunikation.
Immerhin repräsentiert er gleichsam den reinen Fall, der den Grund jener vorrationalen Kommunikation unvermischt vor Augen stellt. Aus diesen Zusammenhängen wird verständlich, warum von alters her gerade Denker, die sich mit der
Welt des Politischen befaßt haben, in besonderem Maße Sensibilität gegenüber
den Fragen zeigten, die den Geschmack sowie den Umgang mit den Dingen
betreffen, an denen er sich zu bewähren pflegt.
Wo der Geschmack am Werk ist, wird nicht begründet, sondern auf eine
qualifizierte Weise empfunden. Gewiß bewegt sich die von Kant in der Kritik
der Urteilskraft vorgetragene Theorie über diese Dinge auf der Ebene der Begriffe. Doch diese Theorie hat ohnehin nur ein Gebiet abzugrenzen, das sie
selbst nicht betreten kann. Außerdem untersucht Kant den Geschmack ja nur in
paradigmatischer Absicht, weil er nur hier Aufschluß über das Wesen der Urteilskraft überhaupt gewinnen zu können glaubt. Kant wäre jedoch nicht Kant,
wenn er die Analyse des Geschmacksurteils nicht in jenes Programm eingeordnet hätte, das darauf zielt, Reichweite und Grenzen des menschlichen Erkenntnisvermögens zu bestimmen. Die Kritik der reinen Vernunft will dartun, warum
alle Erkenntnisansprüche ins Leere greifen, wenn sie sich nicht letztlich auf der
Ebene der Anschauung bewähren können. Die Kritik der ästhetischen Urteilskraft hat dagegen mit Dingen zu tun, die im Vorfeld der Erkenntnis liegen. Dies
32 XXIV, 46.
620
Wolfgang Wieland
ist ein Bereich, der der Empfindung und dem Gefühl, aber auch einer spezifischen Selbsterfahrung zugänglich ist, die einer Bestätigung durch den Begriff
weder bedürftig noch fähig ist und schon deswegen niemals Erkenntnis im
strengen Sinne sein kann.
Doch wenn auch das, was sich am Geschmacksurteil als an einem Paradigma
ablesen läßt, selbst noch keine Erkenntnis repräsentiert, so kann es sich trotzdem um eine Bedingung der Möglichkeit von Erkenntnis handeln. Nun können
freilich Geschmacksurteile nicht in Begründungssysteme eingebaut werden: Sie
selbst lassen sich nicht begründen; sie sind aber auch gänzlich ungeeignet, die
Richtigkeit anderer Urteile zu begründen. Schon deshalb können sie niemals als
Elemente in wissenschaftlichen Theoriensystemen vorkommen. Trotzdem kann
das Geschmacksurteil Bedingungen deutlich machen, die erfüllt sein müssen,
wenn eine Erkenntnis zustande kommen soll. Nur aus diesem Grund nimmt
Kant auch noch im Rahmen der kritischen Philosophie an ihm Interesse.
Kants dritte Kritik fragt danach, in welcher Weise und nach welchen Grundsätzen jenes Vermögen tätig ist, dessen Aufgabe darin besteht, Anschauungen
unter Begriffe zu subsumieren und somit Urteile zu erzeugen. Da für den Menschen jede Erkenntnis die Form eines Urteils annimmt, geht es zugleich um die
Frage, warum man hoffen darf, bei seinen Bemühungen um Erkenntnis nicht
nur Mißerfolge zu erleiden. Die Antwort Kants ist überraschend einfach: Weil
die Erkenntniskräfte in ein freies Spiel treten können; dieses freie Spiel ist
überall in Funktion gewesen, wo eine Bemühung um Erkenntnis schließlich
Erfolg gehabt hat. In Kants Sprache: Jenes freie Spiel ist das "zum Erkenntnis
überhaupt schickliche subjektive Verhältnis."33 Im Geschmacksurteil erscheint
es nur in reiner Gestalt, unverstellt von anderen Elementen, und herausgelöst
aus Zusammenhängen, in die es sonst eingebunden ist. Was hier greifbar wird,
ist ein "Verfahren der Urteilskraft, welches sie auch zum Behuf der gemeinsten
Erfahrung ausüben muß."34 Dem Geschmacksurteil kann daher in den einschlägigen Untersuchungen paradigmatische Bedeutung gerade deswegen zuwachsen,
weil es zugleich ein Stück der Tiefenstruktur alles Erkennens sichtbar macht und
damit "eine Eigenschaft unseres Erkenntnisvermögens aufdeckt, welche ohne
diese Zergliederung unbekannt geblieben wäre. "35
Auf diese Weise werden Bedingungen sichtbar, die erfüllt sein müssen, wenn
Erkenntnis überhaupt zustande kommen soll. Es sind Bedingungen der formalen
Genese der Erkenntnis, die freilich nicht dazu taugen, die Geltung einer bereits
gefundenen Erkenntnis zu legitimieren. Es gibt wohl ästhetische, sinnlich erfahrbare Voraussetzungen, aber eben doch keine ästhetischen Begründungen wissenschaftlicher Erkenntnis, weil der für jede Begründung notwendige Begriff noch
33 V, 218; vgl. 238.
34 V, 292, vgl. 187, R, 839.
35 V,213.
Die Erfahrung des Urteils
621
nicht präsent sein darf, wenn das Spiel der Erkenntniskräfte ein freies Spiel sein
soll. Jene nur ästhetisch erfahrbaren Voraussetzungen der Erkenntnis können
indessen heuristische Funktionen erfüllen. Nur nachdem jenes Spiel erst einmal
in Gang gekommen und erfahren worden ist, eröffnet sich die Chance, einen
geeigneten Begriff zu finden, der eine Subsumption vorzunehmen und ein begründungsfähiges Urteil zu fällen gestattet. Das freie Spiel der Kräfte ist allerdings an sein natürliches Ende gelangt, wenn ein bestimmter Begriff in Funktion
getreten ist. Dann ergeben sich Begründungspflichten, die dazu zwingen, diese
Genese der Erkenntnis auf sich beruhen zu lassen. Die ästhetische Vorgeschichte
einer jeden geglückten Erkenntnis wird daher leicht übersehen; wer Urteile zu
begründen unternimmt, interessiert sich in der Regel nicht mehr für die Bedingungen ihres Zustandekommens und denkt nicht mehr daran, daß das "Prinzip
des Geschmacks das subjektive Prinzip der Urteilskraft überhaupt"36 ist.
Ist die von Kant entwickelte Theorie richtig, dann liegen die Wege zur geglückten wissenschaftlichen Erkenntnis und die zur künstlerischen Erfahrung
führenden Wege nicht so weit auseinander, wie dies zunächst scheinen mag.
Auch wenn die Ziele noch so disparat zu sein scheinen, - es gibt immerhin ein
Stück gemeinsamen Weges, der zu ihnen führt, wenn das freie Spiel der Vorstellungskräfte nicht nur die Erfahrung des Schönen verkörpert, sondern - als
Durchgangsstadium - eine Bedingung dafür setzt, daß wissenschaftliche und
philosophische Erkenntnis gefunden werden kann. Jenes Spiel hinterläßt gelegentlich sogar noch in der gelungenen Erkenntnis seine Spuren. Es gibt zu
denken, daß gerade in den exakten Wissenschaften manchmal Resultate hohen
Allgemeinheitsgrades erzielt werden, die auch Anlaß zu einem Geschmacksurteil
geben könnten. Deshalb gibt es einen Seitenweg, der gerade von diesen Wissenschaften zur Kunst führt. "Selbst ein Vernunftschluß enthält Schönheit."3?
Die Frage, warum Kant auf die Begründung einer Ästhetik verzichtet hat,
erlaubt eine ganz einfache Antwort. Kant hatte eingesehen, daß der Bereich,
innerhalb dessen sich der Geschmack bewähren muß, niemals von einer Wissenschaft wird erreicht werden können. Denn eine Wissenschaft kann die ihr eigentümlichen Leistungen nur erbringen, wenn sie von den Mitteln des Begriffs
Gebrauch macht. Die stets an den Bereich der Sinnlichkeit gebundene ästhetische Urteilskraft kann hingegen Leistungen erbringen, die sie niemals an das
begriffliche Denken delegieren kann. Das Subjekt bedarf des Begriffs, um sich
auf einen Gegenstand beziehen zu können. Die Dinge scheinen eindeutig, wo
der Begriff in Funktion tritt, auch dort, wo sie von Hause aus alles andere als
eindeutig sind. Denn begriffliche logische Erkenntnis ist ihrer formalen Gestalt
nach immer das Ergebnis einer Option hinsichtlich der Glieder einer vorgegebenen, randscharfen Alternative. Zu jeder sinnvollen Aussage gibt es eine Alter36 V, 286.
37
R,621.
622
Wolfgang Wieland
native, nämlich ihre Negation. Nichts Vergleichbares findet man dort vor, wo
sich die ästhetische Urteilskraft bewährt. In diesem Bereich wird eine ungeheure
Vielfalt, geradezu ein Kontinuum von Möglichkeiten und Alternativen erfahrbar, das sich weder durch den Begriff noch durch die Zahl erschöpfend fassen
läßt. Es ist der Bereich der ästhetischen Idee, nämlich derjenigen "Vorstellung
der Einbildungskräfte, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgendein
bestimmter Gedanke, d. i. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache
völlig erreicht und verständlich machen kann."38 Diese Unerschöpflichkeit verschwindet in dem Augenblick, in dem mittels eines Begriffs eine jener Möglichkeiten ausgewählt und damit zugleich alle anderen verworfen werden.
Kant hatte eingesehen, daß jene vorbegriffliche, paradigmatisch im Geschmack präsente ästhetische Erfahrung niemals in die Sprache des Begriffs
übersetzt und mit ihrer Hilfe begründet oder mitgeteilt werden kann. Einen
derartigen Anspruch erhoben aber die Ästhetiken, die Kant vorhergingen und
solche, die auf ihn folgten. Das gilt für die Ästhetik der Wolffschule ebenso wie
für die Ästhetik Hegels, - ungeachtet der beträchtlichen Differenzen, die hier im
Hinblick auf die Lehre vom Begriff bestehen. Bei Kant bleibt dagegen der
begrifflichen Erkenntnis der Philosophie lediglich die Aufgabe, jenen Sachzusammenhang zu erklären, ohne mit jener Erfahrung des Urteils konkurrieren zu
können, kraft deren die Subjektivität das freie Spiel ihre Erkenntniskräfte und
damit sich selbst fühlt. Was allein die Selbsterfahrung des Urteilenden zu verstehen geben kann, kann die philosophische Reflexion allenfalls denken, aber
gewiß nicht aus eigener Kraft vermitteln.
Man könnte die Existenz eines Bereichs, der sich der adäquaten Erfassung
durch den Begriff entzieht und der nicht als Gegenstand eines Urteils, sondern
nur in der Selbsterfahrung des Urteilenden vorstellig wird, auf sich beruhen
lassen, handelte es sich lediglich um einen Randbereich der Subjektivität. Doch
wir haben es hier mit Voraussetzungen des Erkennens wie auch der Sozialität
des Menschen zu tun, Voraussetzungen, die auf eine unmittelbare, sinnliche
Weise erfahren werden. Hier wird deutlich, daß die Arbeit des Begriffs von
Voraussetzungen abhängig ist, über die er nicht Herr werden kann. Die Selbsterfahrung des Urteilenden, für die das Geschmacksurteil nur den reinen Fall
darstellt, zeigt aber auch, in welcher Weise jede Erkenntnis auf eine erkennende
Instanz angewiesen bleibt, die sich selbst immer nur im Modus einer qualifizierten Empfindung erfahren kann. Die Unhintergehbarkeit dieser Instanz ist es, die
es unmöglich macht, dem Wesen der Erkenntnis gerecht zu werden, wenn man
sie ohne Rest auf Information reduzieren zu können glaubt. Das Geschmacksurteilliefert Kant das Beispiel, an Hand dessen er die "unmittelbare Beziehung auf
das Gefühl der Lust und Unlust, die gerade das Rätselhafte in dem Prinzip der
38 V,314.
Die Erfahrung des Urteils
623
Urteilskraft ist,"39 ins Licht stellen kann. Die Unmittelbarkeit dieser Beziehung
führt Kam dazu, eine Kritik der ästhetischen Urteilskraft zu entwerfen. Zugleich
aber zwingt sie ihn, auf eine Ästhetik im Sinne einer Wissenschaft von der Welt
des Schönen und der Kunst ein für allemal zu verzichten.
39
V,169.
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